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Kommt Cathie Woods Techfonds nach Europa? Was bedeutet das für Anleger?


Wenn Cathie Wood von ihrer Anlagegesellschaft spricht, redet sie nicht über Geld, Gewinne oder Geschäftsberichte. Steht die 67-Jährige vor Publikum, redet sie vor allem über Gott. "Der Heilige Geist ist mir mit einer Idee in den Kopf gefahren", sagt Wood, deren graue Haare einen grauen Blazer umrahmen. Viel zu viele an der Börse vergäßen die göttliche Schöpfung, das Neue, das Kreative. Statt in die Vergangenheit, so Woods finanzielles Credo, wolle sie in die Zukunft investieren. "Ich laufe buchstäblich auf Wasser", sagte die Investorin 2016 vor einer christlichen Gemeinde. "Und dann streckte ich meine Hand aus und bat Jesus, sie zu ergreifen."

Gott, so sieht es Wood wohl, war ihr gnädig. Vor allem mit dem Start der Corona-Pandemie schoss die Kurve ihres Flaggschiff-Fonds steil nach oben. "Das war wirklich Mount-Everest-like", sagt Rüdiger Sälzle vom Analysehaus Fondsconsult. Inzwischen wettet Wood bereits mit mehr als 25 Milliarden Dollar auf Firmen, die ihr besonders innovativ erscheinen - Robotik, E-Autos, Computerchips, Digitalwährungen. In den USA ziehen sich Fans T-Shirts mit ihrem Konterfei über, in Südkorea trägt sie den Spitznamen "Money Tree". Jetzt wagt sich Wood mit ihrem vermeintlichen Geldbaum nach Europa und will künftig im kontinentalen Geldgeschäft mitmischen. Sie hat den spezialisierten ETF-Anbieter Rize gekauft und dürfte ihre Strategie wohl bald auch mit dem eigenen Haus nach Europa bringen. Müssen nun auch hiesige Anleger der Wall-Street-Ikone folgen?

Wood ist in ihrer Finanzkarriere schon oft für verrückt erklärt worden: Als sie 2014 beim riesigen Vermögensverwalter Alliance Bernstein ausstieg, um ihre eigene Anlagefirma aufzumachen. Als sie, die 67-Jährige, sich anmaßte, die Gewinnpotenziale von Tech-Aktien zu beurteilen. Als Frau in der männerdominierten Börsenwelt sowieso. "Viele meiner Freunde dachten, ich würde versagen", sagte Wood einst. "Ich selbst habe das nie geglaubt."

Umso stärker glaubte sie stets an ihre Aktien. Wenn künstliche Intelligenz plötzlich Bilder malen kann, ist Wood dabei. Wenn E-Autos ganz von selbst fahren, lässt sich die Investorin das nicht entgehen. Und wenn Computerchips immer intelligenter werden, kauft sie sich ein. "Ich bin immer auf der Suche nach disruptiver Innovation", sagt Wood. Statt auf etablierte Tech-Werte wie Apple oder Microsoft zu setzen, schwärmt sie von den Aussichten für Autobauer wie Tesla, für Videokonferenz-Firmen wie Zoom oder den Telemedizin-Anbieter Teladoc. Und regelmäßig macht Wood mit gewagten Prognosen von sich reden: Die Kryptowährung Bitcoin werde bis 2030 auf 500 000 Dollar steigen, wiederholt sie immer wieder.

Bekannt wurde Wood, als sie dem damals umstrittenen Tesla 2018 ein Gewicht von mehr als zehn Prozent in ihrem Fonds einräumte. Mehr als vier Jahre seien die Tesla-Leute der Konkurrenz voraus, was technische Details angehe. Und überhaupt: Wenn in einigen Jahren nur noch Robo-Taxis durch die Städte fahren, habe Tesla mit seiner Datenbasis eine überlegene Position. Woods Kursziel? 2000 Dollar. "Wenn ich recht habe", sagte Wood im Finanzsender CNBC und legt eine Kunstpause ein, "hat diese Aktie gerade erst losgelegt." Dann noch eine Kunstpause, um der Aussage Gewicht zu verleihen. Aktuell notieren die Tesla-Titel allerdings bei 267 Dollar. "Bei den Amerikanern liegt der Optimismus einfach in den Genen", sagt Fondsexpertin Barbara Claus von der Ratingagentur Scope über Wood.

Diese Konzentration auf wenige Titel und alles Neue hat Wood stellenweise sagenhafte Renditen beschert, zwischen März 2020 und Februar 2021 legte ihr Flaggschiff "Ark Innovation ETF" um 250 Prozent zu. Nach dem Corona-Boom bei praktisch allen digitalen Aktien sackte der Kurs des Fonds allerdings ebenso schnell in sich zusammen - minus 80 Prozent. "Das Problem ist, dass viele Privatanleger bei solchen Fonds erst verhältnismäßig spät auf den Zug aufspringen", sagt Fachmann Ali Masarwah vom Fondsdienst Envestor. Im Klartext: Viele dürften das sagenhafte Wachstum kaum mitbekommen haben, den Absturz dafür umso schmerzhafter.

"Normale Anleger sollten sich das sehr, sehr gut überlegen"

Fakt ist, dass Wood in den vergangenen Jahren eine Fondsgesellschaft mit sechs ETFs und insgesamt 14 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen hochgezogen hat. Genau genommen hat sie sich dabei eines Tricks bedient: Obwohl sie die Titel ihrer Fonds selbst auswählt und mit ihrem Team prüft, verkauft sie ihren Fonds als ETF. Diese Vehikel sind hierzulande bei Millionen Anlegern beliebt und eigentlich dafür bekannt, einem Aktienindex wie dem MSCI World mit Tausenden Titeln vom ganzen Globus auf Schritt und Tritt zu folgen. Woods ETFs funktionieren jedoch anders, setzen nur auf eine Handvoll Titel, die die Fondsmanagerin mitunter auch regelmäßig austauscht. Als "aktiven" ETF vermarktet Wood ihre Papiere, und mischt damit die Vermögensverwalter-Branche auf.

Wood hat schon immer ihren eigenen Kopf gehabt. Als 25-Jährige stieg sie bei der Anlagefirma Jennison Associates ein, beobachtete fortan Datenfirmen, die ihren Kollegen zu kompliziert waren. Unternehmen wie Reuters und Telerate mit ihren Datenbergen wurden schnell zu Vorläufern des modernen Internets, und Wood hatte ihr Lebensthema gefunden.

Es geht jedoch auch um gutes Marketing, wenn Wood zu ihren Anhängern spricht. Ihre Rechercheergebnisse verteilt die Fondsgesellschaft vermeintlich kostenlos, regelmäßig treibt sie mit den öffentlichkeitswirksam verbreiteten Erkenntnissen aber auch die Kurse just ihrer Unternehmen nach oben. "Wood hat sicher eine tiefe Überzeugung", sagt Fondsexperte Sälzle, "aber sie kombiniert sie eben immer mit ihrem Marketing."

Hiesige Anleger sollten bei den Fonds eher umsichtig vorgehen. Viele der Unternehmen in Woods Produkten stecken noch in den roten Zahlen, gerade die gestiegenen Zinsen machen ihnen zu schaffen. "Da kann es theoretisch noch einige dieser Firmen hinwegfegen", sagt Barbara Claus. Aktuell ist Woods Strategie in Deutschland nur über einen Fonds der Anlagegesellschaft Nikko zu handeln (WKN: A2PG6K). Der kostet allerdings rund 1,6 Prozent laufende Gebühren pro Jahr, deutlich mehr als Woods herkömmlicher ETF im Stammland USA mit bloß 0,75 Prozent Kosten.

Nun kommt die Großanlegerin jedoch mit ihrem neu gekauften ETF-Anbieter Rize nach Europa und bald wohl auch mit ihren eigenen Fonds. "Normale Anleger sollten sich das sehr, sehr gut überlegen", sagt Fondsexperte Rüdiger Sälzle vom Analysehaus Fondsconsult. "Wood hat extreme Wetten am Laufen, bei denen mir schwindelig wird."

Für manche ist Wood mit ihrer biblischen Beseeltheit zur Witzfigur geworden. Anlagemanager Matthew Tuttle brachte vor einigen Jahren jedenfalls einen "Tuttle Capital Short Innovation ETF" auf den Markt. Mit dem Produkt wettet der Profifinanzer, dass die Kurse von Woods Firmen allesamt fallen. Am Ende verhält es sich damit wie mit Woods Fonds. Es ist vor allem eine Glaubensfrage.

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Author: Jason Tran

Last Updated: 1697914562

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